Not changing but evolving

7/1/2022

Nicaragua Vulkan Concepcion Wanderung Annerschtwo
Nicaragua Vulkan Concepcion Wanderung Annerschtwo

„Hast du dich verändert?“

„Ich bin so gespannt, wie du zurückkommst.“

„Am Ende trägst du Tank-Tops und hast Rasterlocken."

„Bist du eine andere Person geworden?“

Meine Rückkehr nach Deutschland rückt immer näher. Ein Monat ist es noch, um genau zu sein. 8 von 9 Monaten sind schon vergangen. Und es fühlt sich an, als wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um diese Monate etwas zu reflektieren. Mich zu reflektieren. Zu überlegen, was ich in dieser Zeit gelernt habe, was mir wichtig geworden ist. Es fühlt sich nach dem richtigen Zeitpunkt an, weil ich immer noch einige Wochen übrig habe, um mir meinen Erkenntnissen bewusst zu werden und ich sie so noch stärker verinnerlichen kann. Ich stelle mir vor, dass ich am Flughafen sitze und mir Gedanken darüber machen will, ob ich als andere Person in Deutschland landen werden. Nein, niemals, das würde nicht funktionieren. Ich versuche mir noch nicht allzu viele Gedanken über diesen Moment am Flughafen zu machen, aber ich weiß, dass es wahrscheinlich ein sehr großes Durcheinander in meinem Kopf geben wird, wenn ich unmittelbar vor meiner Rückkehr nach Deutschland stehe.

Deshalb nehme ich mir jetzt die Zeit, nutze diesen verregneten Tag und höre ein bisschen in mich selbst hinein.

Sonnenuntergang Tamarindo Costa Rica Annerschtwo
Sonnenuntergang Tamarindo Costa Rica Annerschtwo

Wenn ich mich so sehe, hier im Alltag in Costa Rica, fühlt es sich an, als wäre es schon immer so. Als wäre Ich schon immer so. Doch es sind die kleinen Momente, in denen ich realisiere, dass ich definitiv nicht genauso zurückkommen werde, wie ich Ende Oktober 2021 in den Flieger gestiegen bin. Das wäre ja auch komisch, dazu gab es viel zu viele einschneidende und unvergessliche Erlebnisse in meinem Leben. Ich habe irgendwann angefangen zu sagen: „Ja, ich habe mich verändert.“, aber auch nur, weil ich nicht wusste, wie ich es besser ausdrücken sollte. Ich bin eigentlich keine Freundin von dem Wort Veränderung.

Es impliziert direkt, dass ich eine andere Person geworden bin. Und das ist defintiv nicht der Fall. Eine gute Freundin hat mir einen Satz vorgeschlagen, der es meiner Meinung perfekt auf den Punkt trifft. Sie hat gesagt: „You are not changing, but evolving.“.

Es ist keine Veränderung, sondern eine Entwicklung. Ich habe mich durch jede einzelne Erfahrung, jede neue Sache, die ich gesehen habe, weiterentwickelt. Und tue es immernoch. Aber ich bin trotzdem noch die gleiche Person. Das steht außer Frage. Womöglich sieht man mir diese Entwicklung nicht von außen an. Vielleicht ist sie für andere unsichtbar. Doch ich kann sie spüren. In so vielen Situationen.

Abreise Gap Year Frankfurt Flughafen Annerschtwo
Abreise Gap Year Frankfurt Flughafen Annerschtwo

30.10.2021: Ich kehre Deutschland den Rücken zu

Doch wie sieht diese Entwicklung aus? Woran sehe ich sie?

Ich glaube, ich sehe sie gar nicht, sondern fühle sie eben. Ich merke, dass ich mit Sitationen ganz anders umgehe. Es läuft nicht immer alles nach Plan, doch ich lasse mich davon nicht mehr so einfach aus der Bahn werfen. In solchen Momenten habe ich ein Gefühl in mir, welches mir sagt, dass alles gut wird. Dass alles seinen Grund hat. Dass alles, und auch ich, schon seinen richtigen Platz in dieser Welt finden wird. Ich kann ein Grundvertrauen in mir spüren, das so davor nicht da war. Das heißt nicht, dass ich mit allen möglichen Situationen perfekt umgehen kann. Nein, natürlich kann ich das nicht. Aber ich habe für mich einen Weg gefunden, wie ich sie besser, effektiver und vor allem gesünder bewältigen kann. Und wenn ich mich aus welchen Gründen auch immer doch mal wieder von diesem Grundvertrauen entfernt fühle, dann gehe ich ans Meer und schaue in den Sonnenuntergang. Und ich sehe die Bewegungen des Wassers, höre das Wellenrauschen und blicke in die untergehende Sonne. Und da ist es wieder, dieses Gefühl von Friedlichkeit und Ruhe. Es ist schwierig in Worte zu fassen, aber der Ozean lässt mich Sicherheit spüren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich am Meer so klein fühle. Ich sehe vom riesigen, unendlich großen Pazfik nur den Horizont – da wirkt alles andere, jedes Problem, jede unschöne Situation, fast schon kleiner als ein Sandkorn am Strand. Klar werden dadurch keine Probleme von alleine gelöst, und ich verdränge sie dadurch auch nicht, aber ich habe so gelernt, sie besser bewältigen zu können.

Haleakala Summit Maui Hawai'i Annerschtwo
Haleakala Summit Maui Hawai'i Annerschtwo

Und da wäre ich auch schon beim nächsten Punkt: Ich war schon immer mehr Optimistin als Pessimistin, aber ich bin während meiner Zeit im Ausland noch deutlich positiver geworden. Mir fällt es so viel einfacher in Situationen die positiven Dinge zu sehen und ich merke, dass ich es von ganz alleine tue. Das realisiere ich vor allem dann, wenn ich von Menschen umgeben bin, die grundsätzlich eine negativere Einstellung haben. Und das sind die Momente, in denen ich merke, dass ich damit einfach nicht gut umgehen kann beziehungsweise ich mich mit dieser Negativität auch gar nicht auseinandersetzen möchte.

Zu dieser positiveren Lebenseinstellung haben „Aloha“ und „Pura Vida“ einen entscheidenden Beitrag geleistet. Hawai‘i hat sicherlich den Grundbaustein gelegt, doch in Costa Rica habe ich gelernt, es auch wirklich umzusetzen. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Ansonsten wäre ich genau heute wahrscheinlich schlecht gelaunt, weil es nur regnet und ich mit dem Wochenende nichts besonderes anfangen kann. Doch jetzt nutze ich den Tag und sehe es positiv: Ich finde endlich Zeit, um an meinem Blog weiterzuschreiben, um zu kochen, um einfach Dinge zu tun, die sonst neben dem ganzen Trubel etwas zu kurz kommen. Und das tut unglaublich gut.

Photo taken by David Gruetter

Ich habe oben geschrieben, dass es immer wieder einzelne Situationen sind, an denen ich merke, dass ich mich weiterentwickelt habe. Und so einen Moment habe ich auch jetzt gerade. Ich schreibe hier meine Gedanken herunter. Ich schreibe schlicht und einfach das auf, was mir gerade in den Sinn kommt. Aber ich schreibe es eben nicht handschriftlich in ein Tagebuch, welches außer mir niemand zu Gesicht bekommt, sondern ich tippe es auf meinem iPad, um es anschließend auch hier auf meinem Blog hochladen zu können. Und das ist etwas, was mir vor meiner Abreise, beziehungsweise in den ersten Monaten meiner Reise, überhaupt nicht leicht gefallen ist. Ja, ich wollte diesen Blog schreiben, doch ich wusste nicht ganz genau wie. Eigentlich hatte ich ihn nur für meine engen Freunde und meine Familie gedacht, die ich so intensiver und persönlicher an meiner Reise teilhaben lassen kann. Doch dabei habe ich es dann nicht belassen und mir gedacht, dass wenn ich schon Zeit in diesen Blog hinein investiere, ihn auch mehr Leute lesen können – also die, die es eben interessiert.

Nur weil diese Website öffentlich ist, bedeutet es natürlich nicht, dass es hunderte Menschen lesen. Aber in der Theorie könnte es eben jeder lesen. Anfangs musste ich mich sehr dazu überwinden, Artikel zu veröffentlichen. Klar, über die Reiseberichte habe ich mir in dieser Hinsicht wenig Gedanken gemacht. Doch wenn es, wie der Name schon sagt, zu der Rubrik „Einblick in meine Gedanken“ kommt, sieht es ganz anders aus. Es sind nunmal meine Gedanken, die ich hiermit veröffentliche, und dadurch etwas sehr Persönliches. Ich habe mir überlegt, wer das wohl liest und was sich die Leute dementsprechend denken. Ich habe mir vorgestellt, was ich denken würde, würde ich solche Texte von jemand anderem lesen. Meine Gedanken und auch Sorgen, welche Annahmen manche Menschen auf Basis dieser Artikel über meine Person treffen könnten, haben mich eingeschüchtert. Ich habe teilweise sehr lange überlegt, ob ich auf „veröffentlichen“ klicken soll. Doch letztendlich habe ich es immer getan. Und jedes Mal hat es sich gut angefühlt. Und jedes Mal war es vor allem auch einfacher.

Ka'au Krater Wanderung O'ahu Hawai'i Annerschtwo
Ka'au Krater Wanderung O'ahu Hawai'i Annerschtwo

Mittlerweile sind diese Gedanken (so gut wie) weg. Ich habe mich so stark davon lösen können, darauf zu achten, was andere Menschen über mich denken könnten, dass ich einen viel entspannteren Alltag erlebe. Sind wir ehrlich, ganz kann man die Gedanken, was andere über einen denken, wahrscheinlich nie ablegen. Aber man kann defintiv daran arbeiten, wie sehr man sich die Meinung anderer Personen zu Herzen nimmt und in wie weit man sich von ihr beeinflussen lässt. Ich würde sagen, diese Entwicklung ist eine der stärksten und vor allem auch eine der wichtigsten für mich gewesen, da sie einen so großen Einfluss auf mein gesamtes Leben hat.

Anfangs dachte ich noch, dass ich keinen Blog schreiben möchte, da ich nicht mit anderen Leuten in eine Schublade gesteckt werden möchte. In die Schublade, wo alle „Reisenden“ drin sind. Die Leute, die sich „selbst finden“ wollen. Die, die die typischen „Lisas“ sind, da nach dem Abi nach Australien gehen und danach nur noch Denglisch sprechen. Oder eben die, die mit „Tank-Top und Rasterlocken“ zurückkommen. Alles was ich wollte, war mit diesem Blog einen Weg zu finden, um meine Erlebnisse während meines Auslandsjahres für mich festhalten zu können – und gleichzeitig für die, die es interessiert zu lesen. Und das habe ich geschafft. Er ist mir eine so große Hilfe, all die Erfahrungen zu verarbeiten und reflektieren zu können, und gleichzeitig kann ich andere Leute daran teilhaben lassen. Und wenn ich dann noch Rückmeldungen bekomme, dass sich die ein oder andere Person sogar damit identifizieren kann, was ich schreibe und ich ihr in bestimmten Situationen weiterhelfen konnte, was gibt es besseres?

Maunakea Summit Big Island of Hawai'i  Annerschtwo
Maunakea Summit Big Island of Hawai'i  Annerschtwo

So, wie gesagt, das waren alles Entwicklungen, die sich in mir abgespielt haben. Ich kann mir vorstellen, dass sie für andere eben gar sichtbar sind. Doch werde ich auf meine Familie und Freunde wirklich genauso wirken wie davor? Ich weiß es nicht, ich werde es früher oder später merken. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man diese Entwicklungen sieht. Sie beeinflussen mein Handeln im Alltag. Sie spiegeln sich in meinem Auftreten wider.

Dazu tragen auch Entwicklungen bei, die deutlich offensichtlicher sind: Ich komme als eindeutig selbstständigere Person zurück.

Es war alles andere als geplant, doch letztendlich habe ich auf Hawai’i 4 Monate alleine gewohnt und aus dieser Erfahrung sehr viel mitnehmen können. Außerdem: Ich bin viel spontaner geworden. Ich habe richtige Freude daran gefunden, in den Moment und Tag hinein zu leben, ohne sich großartig Gedanken darüber zu machen, was danach kommt. Ich bin für spontane Aktionen zu haben, und ich genieße es. Es fühlt sich gut an. Ich fühle mich dadurch freier. Ich saß auf meinem Bett und habe über meinen Plan nachgedacht, für ein paar Tage noch Panama besuchen zu wollen. Nach wenigen Minuten Rechereche habe ich mich gefragt, auf was ich eigentlich warte, und ohne mit irgendjemanden darüber zu sprechen oder Zweifel zu haben, meine Hostels gebucht. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Die Spontanität bringt mir mehr Gelassenheit. Und oft sind die besten Erlebnisse der letzten Monate aus ganz spontanen Situationen heraus entstanden. Wenn ich spontan bin, bin ich automatisch viel offener für Neues, da ich schlicht und einfach nicht viel Zeit habe, um mir im Vorfeld zu überlegen, was mich erwarten wird.

Die letzten 8 Monate über gab es nicht nur schöne Momente. Natürlich hatte ich auch meine Tage oder Wochen, die weit weg von „perfekt“ waren. Doch es waren auch immer Lebenssituationen, an denen ich gewachsen bin. Aus denen ich unheimlich viel mitnehmen konnte. Die mich zwar gefordert haben, aber die ich auch bewältigen konnte. Dadurch, dass ich in diesen Momenten nicht zuhause in Deutschland war, musste ich alleine damit klarkommen. Musste Probleme alleine in den Griff bekommen oder lösen. Und dadurch ist mein Selbstbewusstsein um einiges gewachsen. Ich würde sagen, ich war schon immer selbstbewusst, aber ich habe einfach nochmal enorm viel an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit dazu gewinnen können. Und das zeigt sich auch darin, was ich zuvor beschrieben habe: Dass es keine große Rolle mehr für mich spielt, was andere über mich denken oder sagen. Jetzt beispielsweise sitze ich auf meinem Balkon und schreibe lieber, als mich mit anderen Leuten zu umgeben. Am Anfang meines Gap Years hätte ich das nie getan. Ich hätte mich sofort alleine und einsam gefühlt und hätte den Drang gehabt, tagtäglich ohne Unterbrechung etwas mit anderen Leuten unternehmen zu wollen. Doch aktuell weiß ich, dass es mir nicht gut tut, unter so vielen Leuten zu sein. Gerade geht es mir besser, wenn ich mehr Zeit für mich selbst habe. Und dabei ist es mir gerade nicht wichtig, ob Leute denken könnten ich hätte keine Freunde oder sei unsozial – Nein, ich tue einfach das, was mir guttut.

Waikiki Beach Honolulu Hawai'i Annerschtwo
Waikiki Beach Honolulu Hawai'i Annerschtwo

Ich könnte noch ewig weiterschreiben. Macht ja auch Sinn, eine Entwicklung hört schließlich niemals auf. Ich habe während der letzten 8 Monate so unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die mich alle auf ihre eigene Art und Weise unglaublich stark geprägt haben. Ob das kulturelle Aspekte sind, zwischenmenschliche Beziehungen oder alltägliche Situationen, die ich zu bewältigen habe.

Ich bin nicht nur gespannt darauf, wie mich Freunde und Familie wahrnehmen werden, sondern vor allem auch neugierig, wie ich selbst mein Umfeld in Deutschland sehen werde. Aber bis dahin lebe ich noch in den Tag hinein und genieße jeden einzelnen Moment:).

I‘m not changing but evolving.